„Die Grabentour"
Die „Grabentour" geht zurück auf den Rothschönberger Stolln, dem jüngsten und längsten Stolln des Freiberger Bergbaus. Er ermöglichte die tiefe Ableitung der Grubenwässer in die Triebisch bei Rothschönberg. 1844 - 1877 entstand in ununterbrochener Arbeit und unter teilweise extremen Bedingungen eine Meisterleistung der Bergbautechnik. Der Stolln wurde bei Rothschönberg am linken Triebischufer angesetzt und in gerader Richtung mit 12.882 m Länge bis an den Halsbrücker Spat getrieben. Um den Stolln von vielen Stellen gleichzeitig aufzufahren, wurden Hilfsschächte (Lichtlöcher) in die Tiefe getrieben und im Gegenortbetrieb gearbeitet, d. h. nach zwei Seiten, bis zum Durchschlag des jeweils benachbarten Lichtlochs. Insgesamt wurden acht Lichtlöcher geteuft.
Zum Projekt „Rothschönberger Stolln" gehört auch der Graben, welcher der Grabentour den Namen gab. Er wurde 1844 bis 1847 gebaut und diente der Bereitstellung von Aufschlagwasser zum Betrieb der Maschinen am IV. und V. Lichtloch. Das Aufschlagwasser wurde in Krummenhennersdorf aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch den 3.557 m langen Graben zugeführt. Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stolln hat der Graben also nichts zu tun. Er wurde als Hilfsmittel zur Erbauung des Stollns geschaffen. Heute ist die Grabentour zu jeder Jahreszeit ein schöner Wanderweg. Dieser Wanderführer soll von Krummenhennersdorf nach Reinsberg entlang der Fließrichtung des Grabens begleiten.
Unsere Wanderung beginnt an der Wünschmannmühle in Krummenhennersdorf. Eine Mühle wird an diesem Ort bereits 1195 in Altzellas Klosterchroniken erwähnt, als Markgraf Albrecht, ein Sohn „Otto des Reichen", in der Mühle an einer Vergiftung starb. Lange Zeit wurde ein weithin berühmtes Brot hier gebacken. Heute beherbergt die Mühle ein Museum, in dem Mühlentechnik aus den 1920er Jahren gezeigt wird.
Noch immer gut sichtbar, zweigt an der Mühle Bobritzschwasser in den Mühlgraben ab. Hinter der Mühle wurde Wasser durch eiserne Gerinne in den Kunstgraben abgeleitet. Hier beginnt die Grabentour. Der Graben misst von hier bis zu seinem Ende am IV. Lichtloch 3.557 m. Auf 1.652 m ist der Graben sichtbar. 1.905 m jedoch wurden, zur Verkürzung seines Laufes bzw. zur Umgehung morphologischer Hindernisse, unterirdisch angelegt und führen durch fünf Röschen (Felstunnel). Die nach benachbarten markanten Punkten benannten Röschen beginnen und enden an den bergmännisch ausgemauerten Mundlöchern.
Zunächst geht es am offenen Graben bis zum oberen Mundloch der Felsenbachrösche. Nun wandert man entweder entlang der Bobritzsch über den Nymphenbogen oder den kürzeren Weg über eine kleine Anhöhe. Weiter führt der Wanderweg bergaufwärts entlang der Bobritzsch zum unteren Mundloch der Felsenbachrösche. Entlang des offenen Grabens erreicht man die Quarzithöhle und das unterhalb gelegene Mundloch der Porzellan-felsenrösche. Sie verdankt ihren Namen dem Quarzit, welches im 18. Jahrhundert für die Glasur des Meißner Porzellans verwendet wurde. An der Quarzithöhle ist links oberhalb des Mundloches eine Tafel im Fels eingelassen. Sie ist das Geburtszeugnis der Grabentour. Ihr Text bedeutet: „Ausgeführt vom IV. Quartal Luciae 1844 bis III. Quartal Crucis 1846 durch Obereinfahrer Ernst von Warnsdorf, Obersteiger August Jobst und Maschinensteiger Gottfried Becher".
Neben der Quarzithöhle kann man links vom Graben abbiegen und am Bobritzschufer die ca. 200 Jahre alte Zitzenfichte mit ihren eigentümlich ausgebildeten Astansätzen erblicken. Sie misst ca. 40 m Höhe und ca. 3,6 m Stammumfang.
Wenige Schritte weiter erreicht man die Felsenbrücke, die nach dem Hochwasser 2002 im Jahr 2004 instandgesetzt und erweitert wurde. Am Ende der 150 m langen Porzellanfelsenrösche sieht man ein Mundloch mit einfacher Stirnmauerung und schräger, der Hangneigung entsprechender Oberkante. Entlang des offenen Grabens geht es weiter bis zur Rösche V. Lichtloch. Mitte der 50er Jahre lief ein Schüler in diese Rösche, überstieg eine Schutzmauer und stürzte in das noch nicht verfüllte Reststück des Schachtes. Mit Knochenbrüchen wurde er geborgen. 1960 wurde das restliche Schachtstück bis zur ehemaligen Hängebank verfüllt. Alle Röschen der Grabentour wurden gesichert.
Ein leichter Anstieg führt uns auf die Halde und zu den Gebäuderesten des V. Lichtloches. Der Graben wurde hier unterirdisch an die Betriebsstätte herangeführt, um die Maschinen anzutreiben.
Heute befindet sich auf der gut erhaltenen Halde eine Schutzhütte. Zu genießen ist ein phantastischer Blick hinab ins Bobritzschtal und hinüber zum Wald.
Da ab dem V. Lichtloch nur noch halb so viel Wasser weiter floss, baute man ab hier die Gräben, Röschen und Mundlöcher schmaler. Weiter geht es durch die schöne Landschaft am offenen Graben entlang und vorbei am Felsen „Beiers Ruh". Warum diese Stelle so heißt, ist nicht mehr genau nachvollziehbar. Man nähert sich nun dem Eingang der Buchenbornrösche (ca. 20 m rechts vor dem Felsen). Nach einem kurzen Anstieg, dem wohl landschaftlich reizvollsten Abschnitt der Grabentour, gelangt man zu einem der schönsten Aussichtspunkte des Weges. Hier am Tausendtalersprung soll ein Bergmann seinen mit 1000 Talern beladenen Wagen aus Versehen in die Tiefe gestürzt haben. Man fand 999 Taler wieder, ein Taler wird noch vermisst. Tatsächlich schrieb der Krummenhennersdorfer Bergmann Böhme in seinem Tagebuch:
„4. April 1851: Hatten die Lohnboten unterhalb der Fuchslöcher mit dem Lohnwagen umgestürzet, wobei ihnen 500 Taler in l/l Stücken in einen Leinwandsäckel erst den Berg hinunter in die Bober gefallen waren, von Stund an mussten selbige dabei wachen ...
6. April 1851:... Die 2 Lohnboten haben nachher das Geld herausgefischt bis auf 68 Taler, welche sie bei kleinem nicht zu kaltem Wasser noch zu holen gedenken. Es hat den ganzen Tag unaufhörlich geschneit."
Wer also Lust hat, kann die fehlenden Taler suchen!
Ein kurzer Abstecher (ca. 50 m) auf dem rechten Seitenweg führt zum Kroatenstein, einem Erinnerungsstein an die Verteidigung von Schloss Reinsberg im dreißigjährigen Krieg. Die Geschichte berichtet, dass Lorenz von Schönberg, welcher im Jahre 1632 nach der Erstürmung des Schlosses durch kaiserlich-österreichische Truppen nach Freiberg floh, im Waldgebiet der Bobritzsch von einer kroatischen Kugel getroffen wurde, an dessen Folgen er zwei Tage später starb. Zurück an der Schutzhütte trifft man wieder auf den Graben, der aus dem Mundloch der Buchenbornrösche ans Licht tritt. Nach etwa 300 m ist das obere Mundloch der Reinsberger Rösche zu sehen. Das Wasser im Kunstgraben floss in dieser längsten Rösche 950 m unterirdisch bis zum Gelände des IV. Lichtloches.
Der Waldweg steigt nun allmählich an. Am Waldrand angelangt, schließen sich der ruhig gelegene Campingplatz und das idyllische Freibad BadePark Reinsberg an. Die Allee führt am Schützenplatz vorbei, wo seit 1791 jährlich 14 Tage nach Pfingsten das Vogelschießen gefeiert wird. Durch den Schusterbusch führt der Wanderweg am Mausoleum der Familie von Schönberg und nahe der Königslaube entlang. Die Straße im Schusterbusch überquerend findet man neben dem Schafteich Grundmauern des Pulverturms, welcher aus Sicherheitsgründen außerhalb der eigentlichen Bergbauanlage stand.
Zu besichtigen ist nun die nahezu vollständig erhaltene Anlage des IV. Lichtloches:
- Das Huthaus war während und nach der Bauzeit des Stollns Verwaltungssitz, später Wohnhaus und wurde 2009 umfangreich saniert.
- Das Schachtgebäude mit dem 84 m tiefen ausgeleuchteten Schacht, dem funktionsfähigen viermännigen Handhaspel, der umfangreichen Ausstellung zum Rothschönberger Stolln und der Möglichkeit, hier den Bund fürs Leben zu schließen.
- Die Radstubenkaue, die Kunst- und Kehrrad beherbergte und seit der Freilegung 2002/2003 begangen werden kann.
- Das Zimmereigebäude u. a. mit dem 2006 aus dem Stolln gehobenen Kahn.
- Die Bergschmiede mit Pferdestall.
- Die obere Abzugsrösche, die seit 2004 sogar begehbar ist.
- Das ehemalige Bergstiftshaus mit Leichenhalle (heute Wohnhaus, Sandweg 1) und eigenem kleinen Friedhof.
- Die Königslaube im Schusterbusch, einem Denkmal aus Naturstein mit Gedenktafel, welches an den Besuch König Friedrich Augusts von Sachsen im Jahr 1852 erinnert. Die Tafel wurde nach dem 2. Weltkrieg zerstört, konnte jedoch 2002 durch eine Sammelaktion nachgefertigt werden.
Wer nach der Besichtigung des IV. Lichtloches noch Lust zum Weiterwandern hat, kann die ehemalige Kleinbahnstrecke im Tal ach rechts in Richtung Mohorn oder nach links in Richtung Nossen laufen. Die Strecke ist auch für Fahrradtouren gut geeignet.
Der Weg zurück nach Krummenhennersdorf kann über die Wolfsstraße führen, die zur ehemaligen Höhenstraße Meißen-Lommatzsch-Freiberg gehörte. Am Ende der Wolfsstraße an der Häusergruppe Wolfsgrün biegt man nach rechts ab und läuft am Straßenrand bergab nach Krummenhennersdorf hinein und trifft auf die Wünschmannmühle, den Anfang der Tour. Von hier aus kann noch ein Stück entlang der „Wilden Grabentour" Richtung Oberschaar gelaufen oder auch den hübschen Ort Krummenhennersdorf erkundet werden. Am Alten Gasthof, etwa in der Ortsmitte, geht es geradeaus nach Freiberg. Die Strecke rechtsabbiegend am VI. Lichtloch des Rothschönberger Stollns vorbei führt nach Gotthelffriedrichsgrund und Bieberstein oder Teichhäuser. Schöne Aussichtspunkte und geschichtsträchtige kleine Dörfer entlohnen jeden Wanderer auf diesem Weg für seine Mühen.
Weitere Informationen:
Dr. Karl-Heinz Köhler, Tel.: 037324 / 6015
Siegmar Ulbrich, Tel.: 037324 / 7358
Kurt Skokan, Tel.: 037324 / 87861
Gerhard Haubold, Tel.: 035242 / 68661
Verein IV. Lichtloch des Rothschönberger Stolln e.V. http://www.viertes-lichtloch.de/
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